Bericht
des deutschen Flottenchefs
Vizeadmiral Scheer
zur Seeschlacht vor dem Skagerrak
Kommando der Hochseestreitkräfte den 4. Juli 1916
Euerer Kaiserlichen und Königlichen Majestät melde ich über die Unternehmung am 31. Mai und 1. Juni und über die Seeschlacht vor dem Skagerrak alleruntertänigst das Folgende:
A. Die mit der Unternehmung verbundene Absicht.
Die
Unternehmung gegen Lowestoft am 23. und 24. April d. Js. hatte im Sinne unseres
Operationsplanes gewirkt.
Der Gegner hatte die Herausforderung als solche empfunden und war offenbar nicht
gesonnen, einen zweiten ähnlichen Schlag ohne Gegenwehr hinzunehmen. Er begann
sich zu regen. Man hörte von Umgruppierungen Seiner Seestreitkräfte auf die
verschiedenen Stützpunkte der Ostküste und von wiederholten Aufmärschen beträchtlicher
Flottenteile in der nördlichen Nordsee. Diese unseren Absichten entsprechende
Lage wollte ich nach Fertigstellung "Seydlitz" durch einen erneuten
Vorstoß der gesamten Flotte ausnutzen.
Die vorläufige Aufgabe des U-Boots-Handelskrieges gestattete die Mitwirkung
aller fahrbereiten U-Boote. Ich entsandte daher Mitte Mai alle U-Boote zu einer
Streife durch die nördliche Nordsee und ließ sie vom 23. Mai ab
Angriffsstellungen vor den Hauptstützpunkten des Feindes - Humber, Firth of
Forth, Moray Firth und Scapa Flow - beziehen, um alsdann durch einen Vorstoß
unserer Flotte den Gegner zum Auslaufen und unter günstigen Bedingungen zum
Kampf zu nötigen.
Auf diese Weise war Aussicht vorhanden, die U-Boote
zum Angriff zu bringen; gleichzeitig konnten sie wertvolle Aufklärungsdienste
leisten. Für den Vorstoß wurden zwei Unternehmungen vorbereitet: Die eine in
nordwestlicher Richtung gegen die englische Küste, die andere nach Norden in
das Skagerrak hinein.
Für den Vorstoß nach Nordwesten war weitgehende Luftschiffaufklärung unerläßlich,
da er in ein Seegebiet führte, in dem wir uns gegen unseren Willen nicht zur
Schlacht stellen lassen durften.
Bei der Unternehmung nach Norden, für die die jütische Küste im Osten eine
gewisse Deckung gegen feindliche Überraschungen bot, war, zumal in Anbetracht
der großen Entfernungen von den feindlichen Stützpunkten, diese Gefahr
geringer. Luftschiffaufklärung war zwar auch hierfür erwünscht, aber nicht
unbedingt notwendig.
Der Vorstoß nach Nordwesten erschien als der wirkungsvollere; er wurde deshalb
zunächst in Aussicht genommen: Dementsprechend wurden alle Luftschiffe vom 23.
Mai ab für die Unternehmung bereitgehalten. Leider war das Wetter dem Vorhaben
abhold. Die Flotte wartete vom 23. bis 30. Mai vergeblich auf einen für die
Luftaufklärung geeigneten Tag.
Als auch am 30. Mai eine Änderung der Wetterlage nicht abzusehen war, beschloß
ich, da die U-Boote nicht länger in Angriffsstellung gelassen werden sollten,
die Operation nach Nordwesten aufzugeben und das nach Norden gerichtete
Unternehmen gegebenenfalls ohne Luftschiffaufklärung auszuführen.
B. Die Anlage der Unternehmung
Der
B.d.A., Vizeadmiral Hipper, erhielt Befehl, mit der I. und II. A. Gr. [Aufklärungsgruppe],
dem II. F. d. T. [Führer der Torpedoboote] auf "Regensburg" und der
II., VI. und IX. T-Flottille [Torpedobootsflottille] am 31. Mai 4 Uhr morgens
die Jade zu verlassen und aus Sicht von Hornsriff und der dänischen Küste nach
dem Skagerrak vorzustoßen, sich noch vor Dunkelwerden an der norwegischen Küste
zu zeigen, damit die Engländer Kunde von dem Unternehmen erhielten, und während
des Spätnachmittags und der folgenden Nacht vor und in dem Skagerrak Kreuzer-
und Handelskrieg zu führen.
Das Gros, bestehend aus dem I., II. und III. Geschwader, IV. Aufklärungsgruppe,
I. F. d. T. auf "Rostock" und dem Rest der T-Flottillen, sollte 4,30
Uhr vormittags folgen, die Aufklärungsstreitkräfte während der Unternehmung
decken und am Morgen des 1. Juni aufnehmen.
Die ausliegenden U-Boote erhielten Funkspruch, daß am 31. Mai und 1. Juni mit
dem Auslaufen feindlicher Streitkräfte zu rechnen sei.
Das Marinekorps übernahm es bereitwilligst, in gleicher Weise die englischen
Ausfallhäfen an den Hoofden zu blockieren.
C. Der Verlauf der Unternehmung
1. Bis zum Zusammentreffen mit dem Feind
Der
von den Minensuchfonnationen westlich der Amrumbank durch die feindlichen
Minenfelder gebahnte Weg führte die Hochseestreitkräfte sicher in die freie
See. Luftschiffaufklärung war zunächst der Wetterlage wegen nicht möglich.
7,37 Uhr vormittags meldete "U 32" etwa 70 sm östlich des Firth of
Forth 2 Großkampfschiffe, 2 Kreuzer und mehrere Torpedoboote mit südöstlichem
Kurs.
8,30 Uhr nachmittags teilte die F. T.- Entzifferungsstelle Neumünster mit, daß
2 große Kriegsschiffe oder Verbände mit Zerstörern aus Scapa Flow ausgelaufen
seien.
8,48 Uhr vormittags meldete "U 66", daß es etwa 60 sm östlich
Kinnaird Head 8 feindliche Großkampschiffe, kleine Kreuzer und Torpedoboote mit
nordöstlichem Kurs gesichtet habe. Die Meldungen gaben kein Bild von den
Absichten des Feindes. Die verschiedenartige Stärke der einzelnen Flottenteile
und ihre auseinanderführenden Kurse ließen einstweilen weder auf ein
operatives Zusammenarbeiten, noch auf ein Vorgehen gegen die Deutsche Bucht,
noch auf irgendwelche Beziehung zu unserer Unternehmung schließen. Die
Nachrichten änderten somit nichts an dem befohlenen Vorhaben, nährten
lediglich die Hoffnung, daß es uns gelingen möchte, einen Teil der feindlichen
Flotte zum Kampf zu stellen.
Zwischen 2 und 3 Uhr nachmittags stiegen nacheinander L 9, L 16, L 21, L 23 und
L 14 zur Fernaufklärung im Sektor Nord bis West von Helgoland auf. Zur
Mitwirkung bei der sich bald darauf entwickelnden Schlacht sind sie nicht
gekommen, haben auch nichts vom eigenen Gros und vom Feinde gesehen und nichts
von der Schlacht gehört, obgleich L 14 nach Seinem Besteck 10 Uhr abends über
dem Schlachtfeld gestanden hat.
4,28 Uhr nachmittags meldete das Führerboot der IV. T-Halbflottille, das von
"Elbing" dem westlichen Flügelkreuzer der Marschsicherung des B. d.
A. [Befehlshaber der Aufklärungsstreitkräfte] zur Untersuchung eines Dampfers
entsandt war, etwa 90 sm westlich Bovbjerg einzelne feindliche Streitkräfte.
Der Feind, 8 Kleine Kreuzer der "Caroline“ - Klasse, bog, als er unserer
Streitkräfte ansichtig wurde, sofort nach Norden ab. Die Kreuzer nahmen die
Verfolgung auf.
Hierbei sichtete der B. d. A. 5,20 Uhr nachmittags in westlicher Richtung zwei
Kolonnen großer Schiffe mit östlichem Kurs, wie sich bald herausstellte: 6
Schlachtkreuzer - 3 "Lions", 1 "Tiger", 2 "Indefatigables"
- und leichte Streitkräfte.
Der B. d. A. rief die nördlich von ihm jagende II. A. Gr. zurück und ging zum
Angriff vor. Der Feind entwickelte nach Süden zur Gefechtslinie; der B. d. A.
folgte der Bewegung, die außerordentlich willkommen war, da sie die Möglichkeit
bot, den Feind auf das eigene Gros zu ziehen, staffelte auf wirkungsvolle Schußentfernung
heran und eröffnete 5,49 Uhr nachmittags auf etwa 130 hm das Feuer.
2.Der erste Gefechtsabschnitt:
Das Kreuzergefecht
Das
Gefecht wurde auf südöstlichen Kursen geführt. Der B. d. A. hielt den Feind
auf wirkungsvoller Entfernung. Die Batterien lagen gut am Ziel. Auf allen
feindlichen Schiffen wurden Treffer beobachtet. Bereits 6,13 Uhr nachmittags
sank der in der Linie an letzter Stelle stehende Panzerkreuzer
("Indefatigable") im Feuer von "von der Tann" unter
gewaltiger Detonationserscheinung.
Feuerüberlegenheit und taktischer Stellungsvorteil waren entschieden auf
unserer Seite, bis 6,19 Uhr nachmittags aus nordwestlicher Richtung ein neuer
Verband von 4 oder 5 Schiffen der "Queen Elizabeth "- Klasse mit beträchtlichem
Geschwindigkeitsüberschuß auflief und auf etwa 200 hm beginnend in das Gefecht
eingriff.
Hierdurch wurde die Lage unserer Kreuzer kritisch. Der neue Gegner schoß
bemerkenswert schnell und gut, letzteres um so mehr, als er fast keine
Gegenwirkung fand und finden konnte.
6,26 Uhr nachmittags betrug die Gefechtsentfernung zwischen den beiderseitigen
Panzerkreuzern etwa 120 hm, zwischen unseren Panzerkreuzern und den "Queen
Elizabeths" etwa 180 hm.
Von den Flottillen des B. d. A. befand sich zu dieser Zeit nur die IX. T-Flottille
in Angriffsstellung. Der II. F. d. T. Kommodore Heinrich auf "Regensburg"
und einige Boote der II. T-Flottille standen, mit äußerster Kraft aufdampfend,
etwa querab von der Spitze des B. d. A.; die Kreuzer der II. A. Gr. mit dem Rest
der T-Flottillen waren von den "Queen Elizabeths" zum Ausholen nach
Osten gezwungen und hatten deshalb trotz äußerster Beanspruchung der Maschinen
ihren Posten an der Spitze der Panzerkreuzer noch nicht erreichen können.
Der II. F. d. T. befahl, der Lage entsprechend, der IX. T-Flottille, deren Chef,
Korvettenkapitän Goehle, bereits aus eigener Entschließung zum Angriff
ansetzte, zur Entlastung der Panzerkreuzer vorzugehen.
Die IX. T-Flottille lief gegen 6,30 Uhr nachmittags in schwerem feindlichen
Feuer zum Angriff an. Es fielen 12 Torpedoschüsse auf die feindliche Linie auf
Entfernungen von 95 bis 80 hm. Den Angriff näher an den Feind heranzutragen war
unmöglich, da gleichzeitig mit der IX. T-Flottille 15 bis 20 englische Zerstörer,
gedeckt durch Kleine Kreuzer, zum Gegenangriff und zur Abwehr unserer
Torpedoboote anliefen. Es kam zum Torpedobootskampf auf nächste Entfernung
(1000 bis 1500 m). "Regensburg" mit den bei ihr befindlichen Booten
der II. T-Flottille, und die M. A. [Mittelartillerie] der Panzerkreuzer griffen
in den Kampf ein. Der Feind drehte nach etwa 10 Minuten ab.
Auf unserer Seite sanken infolge Treffer schweren Kalibers "V 27" und
"V 29". Die Besatzungen beider Boote wurden von "V 26" und
"S 35" im feindlichen Feuer geborgen.
Auf feindlicher Seite wurden zwei, vielleicht auch drei Zerstörer zum Sinken
gebracht, zwei weitere so schwer beschädigt, daß sie liegen blieben und später
dem Gros zum Opfer fielen. Der Feind machte keinen Versuch, die Besatzungen
seiner Boote zu bergen. Während des Torpedobootsangriffs hielt die I. A. Gr.
mit der schweren Artillerie die englischen Panzerkreuzer wirkungsvoll fest und
staffelte gleichzeitig mit Erfolg vor den in großer Zahl von der IX. T-Flottille
bemerkten feindlichen Torpedos ab.
Gegen 6,30 Uhr nachmittags wurde auf dem dritten feindlichen Panzerkreuzer
("Queen Mary") eine gewaltige Detonation beobachtet. Als die
Sprengwolke in sich zusammensank, war der Kreuzer verschwunden. Ob die
Vernichtung durch die Artillerie oder einen Torpedo der Panzerkreuzer oder einen
Torpedo der IX. T-Flottille erfolgte, muß dahingestellt bleiben, wahrscheinlich
ist sie das Werk der Artillerie.
Auf jeden Fall hatte der Angriff der IX. T-Flottille den Erfolg, daß das Feuer
des Feindes zeitweilig aussetzte. Dieses benutzte der B. d. A. dazu, die
Panzerkreuzer durch Schwenkung auf nordwestlichen Kurs zu führen und sich so
die Führung an der Spitze der Kreuzer in dem neuen Gefechtsabschnitt zu sichern.
Unmittelbar nach dem Torpedobootsangriff war nämlich das deutsche Gros auf dem
Kampfplatz erschienen, gerade rechtzeitig, um den Aufklärungsstreitkräften im
Kampfe gegen erhebliche Übermacht Hilfe bringen zu können.
3. Der zweite Gefechtsabschnitt:
Die Verfolgung
Das
Gros in K 312 Flottenflaggschiff an der Spitze des I. Geschwaders auf Nordkurs
mit 14 sm Fahrt marschierend - Schiffsabstand 7 hm, Geschwaderabstand 35 hm, die
Torpedoboote als U-Boots-Sicherung um die Geschwader, die kleinen Kreuzer als
Marschsicherung um das Gros verteilt - erhielt 4,28 Uhr nachmittags etwa 50 sm
westlich Lyngvig die erste Nachricht über das Sichten feindlicher leichter
Streitkräfte und 5,35 Uhr die erste Meldung, daß starke Streitkräfte
gesichtet feien. Der Abstand zwischen B. d. A. und dem Gros betrug zu dieser
Zeit etwa 50 sm.
Auf die Meldung hin wurde zur Gefechtslinie K 3 1 2 aufgeschlossen und "Klar
Schiff zum Gefecht" befohlen. Die 5,45 Uhr nachmittags eingehende Meldung
des B. d. A., daß er auf südöstlichem Kurs im Gefecht mit 6 feindlichen
Panzerkreuzern stünde, zeigte, daß es gelungen war, einen Teil des Feindes zu
stellen und kämpfend auf unser Gros zu ziehen.
Aufgabe des Gros war es nunmehr, den materiell schwächeren Panzerkreuzern so
schnell wie möglich Entlastung zu bringen und, wenn möglich, dem Gegner einen
voreiligen Rückzug zu verlegen. Ich ging deshalb 6,05 Uhr auf Kurs Nordwest und
15 sm Fahrt und eine Viertelstunde später auf Kurs West, um den Feind zwischen
zwei Feuer zu bringen. Während das Gros noch in der Kursänderung war, meldete
die II. Aufklärungsgruppe das Eingreifen eines englischen
Linienschiffsverbandes von 5 Schiffen. Die Lage der I. A. Gr., die nunmehr 6
Panzerkreuzern und 5 Linienschiffen gegenüberstand, konnte kritisch werden. Es
kam folglich alles darauf an, so bald wie möglich die Vereinigung mit ihr
herzustellen. Ich schwenkte deshalb auf Nordkurs zurück. 6,32 Uhr nachmittags
kamen die kämpfenden Linien in Sicht. 6,45 Uhr nachmittags konnten das III. und
I. Geschwader Feuer eröffnen, während der B. d. A. mit den ihm zugeteilten
Streitkräften sich an die Spitze des Gros stellte. Die leichten feindlichen
Streitkräfte drehten sofort nach Westen und. sobald sie außer Schußbereich
waren, nach Norden ab. Es ist fraglich, ob das Feuer unserer Linienschiffe ihnen
in der kurzen Zeit der Beschießung Abbruch getan hat. Die englischen
Panzerkreuzer schwenkten auf Nordwestkurs. Die "Queen Elizabeths"
folgten in ihrem Kielwasser und übernahmen damit die Deckung der hart
mitgenommenen Kreuzer. Während beide Verbände sich aneinander vorüberzogen,
griff 6,49 Uhr nachm. der Chef der VI. T-Flottille, Korvettenkapitän Schultz
(Max), mit der XI. T-Halbflottille an. Der Erfolg konnte nicht beobachtet werden.
Der nun folgende Gefechtsabschnitt gestaltete sich zu einem Verfolgungsgefecht.
Unsere Aufklärungsstreitkräfte suchten den feindlichen Schlachtkreuzern, das
Gros den "Queen Elizabeths" auf den Fersen zu bleiben. Hierzu wurde
divisionsweise bis auf Nordwestkurs mit höchster Fahrt auf den Feind
zugestaffelt. Den feindlichen Panzerkreuzern gelang es trotzdem, bald nach 7 Uhr
sich dem Feuer der I. A. Gr. zu entziehen. Auch die "Queen Elizabeths"
gewannen derart an vorlicher Stellung, daß sie nur noch von den Schiffen der I.
A. Gr. und der V. Division unter Feuer gehalten werden konnten. Die Hoffnung, daß
eins der gejagten Schiffe lahmgeschossen dem Gros zum Opfer fallen würde, erfüllte
sich nicht, obgleich gute Feuerwirkung erzielt und 7,30 Uhr nachmittags
einwandfrei beobachtet wurde, daß ein Schiff der "Queen Elizabeth"-Klasse
nach mehreren Treffern abdrehte und sich mit geringer Fahrt und starker
Schlagseite nach Feuerlee aus dem Gefecht zog. Das Sinken des Schiffes ist nicht
beobachtet.
Den Schiffen des Gros war es einstweilen nur beschieden, 2 moderne Zerstörer
("Nestor" und "Nomad"), die beim Angriff der IX. T-Flottille
lahm geschossen waren und überholt wurden, zu versenken. Die Besatzungen wurden
zu Gefangenen gemacht.
Als 7,20 Uhr nachmittags auch das Feuer der I. A. Gr. und der Schiffe der V.
Division schwächer zu werden schien, stand die Flottenführung unter dem
Eindruck, daß dem Feind das Entkommen gelinge, und gab deshalb an den B. d. A.
den Befehl und damit für alle Streitkräfte die Parole: "Die Verfolgung
aufnehmen".
Das anfangs klare Wetter war inzwischen weniger sichtig geworden. Der Wind war
von Nordwest über West nach Südwest herumgegangen. Der Pulver- und
Schornsteinrauch klebte auf dem Wasser und benahm von Norden bis Osten jede
Aussicht. Die eigenen Aufklärungsstreitkräfte waren nur für Augenblicke
auszumachen.
Tatsächlich war der B. d. A., als er den Befehl zur Verfolgung erhielt, von den
feindlichen Schlachtkreuzern und leichten Streitkräften bereits überflügelt
und ihrem Drucke nachgebend gezwungen, nach Norden abzubiegen. Die Meldung, die
er herüber machen wollte, konnte er nicht abgeben, da kurz vorher die Haupt-
und Reserve-F.T.-Station seines Flaggschiffes ("Lützow") infolge
eines schweren Treffers ausgefallen war. Das Nachlassen des Feuers an der Spitze
war nur darauf zurückzuführen, daß die Entfernungsmess- und Beobachtungsmöglichkeit
gegen die untergehende Sonne immer schwieriger und schließlich so gut wie unmöglich
geworden war.
Als daher 7,40 Uhr nachmittags, in richtiger Erkenntnis der Lage, feindliche
leichte Streitkräfte zum Torpedoangriff gegen unsere Panzerkreuzer ansetzten,
blieb dem B. d. A. nichts anderes übrig, als abzustaffeln und schließlich den
Verband nach Südwesten herum zu werfen, um wieder engeren Anschluß an das Gros
zu suchen, weil eine wirksame Erwiderung des feindlichen Feuers unmöglich war.
4. Der dritte Gefechtsabschnitt:
Die Schlacht
Etwa
gleichzeitig begann auch die Spitze des Gros, dem Drucke von vom nachgebend, in
östlicher Richtung abzubiegen.
7,48 Uhr nachmittags wurde deshalb mit Signal-Befehl "Führung vorn"
zur Linie eingeschwenkt und vorübergehend Fahrt auf 15 sm verringert, um den
bis dahin mit äußerster Kraft vorgetriebenen Divisionen die Möglichkeit zu
geben, den gelockerten Zusammenhalt wiederherzustellen.
Während dieser Vorgänge beim Gros war die II. A. Gr. unter Kontreadmiral
Boedicker im Kampf mit einem kleinen Kreuzet der "Calliope"-Klasse,
der in Brand geschossen wurde, kurz vor 8 Uhr nachmittags auf mehrere kleine
Kreuzer der Städte-Klasse und mehrere Linienschiffe, darunter "Agincourt",
gestoßen. Die ganze Stärke des Feindes war in dem Dunst, der auf dem Wasser
lagerte, nicht auszumachen. Die Gruppe erhielt sofort schweres Feuer, erwiderte
das Feuer, schoß Torpedos und drehte in Richtung auf das eigene Gros ab. Ein
Erfolg konnte nicht beobachtet werden, da zum Schutz der Kreuzer sofort Nebel
entwickelt werden mußte. Trotz des Nebels erhielten "Wiesbaden" und
"Pillau" schwere Treffer. "Wiesbaden", Kommandant Kapitän
zur See Reiß, blieb bewegungsunfähig im feindlichen Feuer liegen.
Der Chef der XII. T-Halbflottille und der Chef der IX. T-Flottille, die hinter
den Kreuzern gestanden hatten, erkannten den Ernst der Lage und griffen an.
Beide wurden von einer Linie zahlreicher Linienschiffe mit Nordwestkurs unter
Feuer genommen und trugen ihre Torpedos (je 6) bis auf 60 hm an den Feind heran.
Auch hier war eine Beobachtung des Erfolges nicht möglich, da dichte
Rauchschwaden den Feind sofort nach dem Abdrehen der Sicht entzogen. Beide
glauben aber einen solchen für sich in Anspruch nehmen zu dürfen, da sie unter
günstigen Bedingungen angegriffen haben.
Zu dieser Zeit etwa muß sich die Vereinigung des englischen Gros unter Admiral
Jellicoe mit den bisher verfolgten Streitkräften des Admirals Beatty vollzogen
haben.
Als Folge entwickelten sich etwa 8,10 Uhr bis 8,35 Uhr nachmittags an der Spitze
des Gros um die havarierte "Wiesbaden" schwere Kämpfe, in denen auch
die Schiffstorpedowaffe zur Geltung kam.
Aus nord-nord-westlicher Richtung griffen die "Queen Elizabeths" und
vielleicht auch die Schlachtkreuzer Beattys (nach Gefangenenaussagen scheint es
allerdings, als ob sie nach 7 Uhr abends nicht mehr am Kampfe teilgenommen haben),
von Norden her ein neuer Verband von Panzerkreuzern (3 "Invincibles"
und 4 "Warriors") nebst kleinen Kreuzern und Zerstörern und von
Nordosten bis Osten die Linienschiffsgeschwader des feindlichen Gros an.
Vornehmlich die I. Aufklärungsgruppe und die Spitzenschiffe des III.
Geschwaders hatten den Angriff abzuwehren. In seinem Verlauf wurden die
Panzerkreuzer zu so hartem Abdrehen gezwungen, daß ich mich 8,35 Uhr
nachmittags genötigt sah, die Linie durch Gefechtskehrtwendung nach Steuerbord
auf Westkurs umzulegen.
Während des Umlegens der Linie griffen zwei Boote der III. T-Flottille ("G
88" und "V 73") und das Führerboot der I. T-Flottille ("S
32") an. Der Rest der Boote der III. T-Flottille hatte, einem Rückrufbefehl
des I. F. d. T. folgend, den Angriff abgebrochen. Den I. F.d.T. hatte zu dem
Befehl das Nachlassen des feindlichen Feuers und damit die Überzeugung veranlaßt,
daß der Feind abgedreht sei und daß die Flottille, die bei der weiteren
Entwicklung der Schlacht notwendig gebraucht werden würde, ins Leere stieße.
Die Boote der übrigen Flottillen waren infolge der Stauchung der Spitze nicht
imstande anzugreifen. Ein Teil (IX. und VI. T-Flottille) kehrte gerade von dem
8-Uhr-Angriff zurück.
Unmittelbar nach dem Umlegen der Linie verstummte das feindliche Feuer vorübergehend,
zum Teil, weil der von den Torpedobooten zum Schutze der Linie, insbesondere der
Panzerkreuzer, entwickelte Rauch dem Gegner die Sicht benahm, hauptsächlich
aber wohl wegen der empfindlichen Verluste, die der Feind erlitten hatte. An
sicheren Verlusten (gesunken) wurden beobachtet: Ein Schiff der "Queen
Elizabeth"-Klasse (Namen unbekannt), ein Schlachtkreuzer
("Invincible"), zwei Panzerkreuzer ("Black Prince" und
"Defence"), ein Kleiner Kreuzer und zwei Zerstörer (einer davon
gezeichnet 04.). Schwer beschädigt, zum Teil in Brand geschossen, wurden: Ein
Panzerkreuzer ("Warrior", später gesunken), drei Kleine Kreuzer, drei
Zerstörer. Auf unserer Seite war nur "V 48" gesunken,
"Wiesbaden" manövrierunfähig und "Lützow" so schwer beschädigt,
daß der B. d. A. sich gezwungen sah, das Schiff etwa 9 Uhr abends im
feindlichen Feuer zu überlassen und auf "Moltke" umzusteigen.
Die Führung der I. A. Gr. ging damit bis 11 Uhr abends auf den Kommandanten
"Derfflinger" (Kapitän zur See Hartog) über. Auch die übrigen
Panzerkreuzer und die Spitzenschiffe des III. Geschwaders hatten gelitten,
hielten aber ihren Platz in der Linie.
Nachdem der Feind das Feuer gegen unsere West steuernde Linie hatte abbrechen müssen,
warf er sich auf die bereits schwer beschädigte "Wiesbaden". Das
Schiff wehrte sich, wie deutlich zu beobachten war, tapfer gegen die erdrückende
Übermacht. Den Nachtmarsch anzutreten war es noch zu früh. Der Feind hätte
uns noch vor dem Dunkelwerden nach seinem Willen stellen, die Freiheit des
Entschlusses nehmen und schließlich den Rückweg in die Deutsche Bucht verlegen
können. Dem vorzubeugen, gab es nur ein Mittel: dem Gegner durch einen
nochmaligen rücksichtslosen Vorstoß einen zweiten Schlag zu übersetzen und
die Torpedoboote mit Gewalt zum Angriff zu bringen. Das Manöver mußte den
Feind überraschen, seine plane für den Rest des Tages über den Haufen werfen
und, wenn der Stoß wuchtig ausfiel, das Loslösen für die Nacht erleichtern.
Daneben gewährte es die Möglichkeit, einen letzten Versuch zu machen, der
schwer bedrängten "Wiesbaden" Hilfe zu bringen und wenigstens die
Besatzung zu bergen. Dementsprechend wurde 8,55 Uhr nachmittags die Linie
abermals nach Steuerbord auf Ostkurs herumgeworfen, den Panzerkreuzern befohlen,
unter vollem Einsatz auf die Spitze des Feindes zu operieren, allen T-Flottillen
Befehl zum Angriff gegeben und dem I. F. d. T. Kommodore Michelsen Weisung
erteilt, die "Wiesbaden"-Besatzung durch Torpedoboote bergen zu lassen.
Die sich aus dieser Bewegung entwickelnde Schlacht zeigte sehr bald ein Bild ähnlich
dem 8,35 Uhr nachmittags, nur daß die Stauchung der Spitze noch stärker wurde.
Die zur "Wiesbaden" entsandten Boote mußten den Versuch, die
Besatzung zu retten, aufgeben. "Wiesbaden" und die vorgehenden Boote
lagen in so schwerem Feuer, daß der Flottillenchef den Einsatz seiner Boote für
aussichtslos hielt. Im Abdrehen feuerten "V 73" und "G 88"
insgesamt 4 Torpedos gegen die "Queen Elizabeths".
Das gegen die Linie gerichtete Feuer des Feindes vereinigte sich vornehmlich auf
die Panzerkreuzer und die V. Division. Die Schiffe litten um so schwerer, als
sie vom Feinde wenig mehr als das Aufblitzen der Salven sehen konnten, selbst
aber anscheinend gute Ziele boten. Ganz besonders das Verhalten der
Panzerkreuzer verdient höchste Anerkennung: Selbst in dem Gebrauch ihrer Waffen
durch Verluste erheblich herabgesetzt, zum Teil schwer havariert, gingen sie rücksichtslos,
dem erhaltenen Befehl entsprechend, gegen den Feind vor.
Ebenso anerkennenswert ist die Führung des III. Geschwaders (Chef Kontreadmiral
Behncke) und das Verhalten der Schiffe der V. Division. Sie und die
Panzerkreuzer trugen die Last des Kampfes und ermöglichten dadurch den
wirkungsvollen Einsatz der T-Flottillen. Als erste griffen die vorn bei den
Kreuzern stehenden Boote der VI. und IX. T-Flottille an. Ihnen folgten vom Gros
aus die III. und die V. T-Flottille.
Die II. T-Flottille hielt der II. F. d. T. zunächst zurück, um sie nicht
hinter der VI. und IX. ins Leere stoßen zu lassen; der Verlauf hat die Maßnahme
gerechtfertigt. Die I. T-Halbflottille und einzelne Boote der VI. und IX. T-Flottille
waren mit der Deckung der havarierten "Lützow" beschäftigt. Zum
Ansatz der aufmarschierenden VII. T-Flottille fand sich keine Gelegenheit mehr.
Die VI. und die IX. T-Flottille nahmen im Anlauf das bis dahin auf die
Panzerkreuzer gerichtete schwere feindliche Feuer auf sich, trugen den Angriff
bis auf 70 hm gegen die Mitte einer im Kreisbogen OSO bis S steuernden, mehr als
20 Großkampfschiffe umfassenden Linie heran und kamen unter günstigen
Bedingungen zum Schuß. Im Angriff erhielt "S 35" einen schweren
Treffer mittschiffs und sank sofort. Alle übrigen Boote kehrten zurück und
legten im Ablaufen zum Schutz der bedrängten Spitze einen dichten Rauchschleier
zwischen Feind und eigenes Gros.
Mit dem Ansatz der T-Flottillen war der Zweck des Stoßes erreicht. Die Linie
wurde deshalb 9,17 Uhr nachmittags durch Gefechtskehrtwendung zunächst auf
West-Kurs umgelegt und dann durch Schwenkung auf südwestlichen, südlichen und
schließlich südöstlichen Kurs herumgeholt, um der umfassenden Bewegung des
Feindes, dessen Spitze bereits SO peilte, zu begegnen und uns den Rückweg
offenzuhalten. Das feindliche Feuer verstummte sehr bald nach der Kehrtwendung.
Der Feind muß auf den Angriff der VI. und IX. T-Flottille hin abgedreht sein:
Die III. und V. T-Flottille fanden nur noch leichte Streitkräfte und damit
keine Gelegenheit zum Angriff. Die Verluste des Gegners können für diesen
Gefechtsabschnitt nicht angegeben werden. Bisher ist nur bekannt geworden, daß
"Marlborough" einen Torpedotreffer erhalten hat. Es darf mit
Sicherheit angenommen werden, daß weitere Erfolge erzielt sind.
Auch unsere Panzerkreuzer und die Spitzenschiffe des III. Geschwaders hatten
schwer gelitten. Trotzdem waren alle Schiffe in der Lage, die für die
Nachtfahrt erforderliche hohe Geschwindigkeit (16 sm) und damit ihren Platz in
der Linie zu halten. Selbst "Lützow" konnte, als sie gegen 9,30 Uhr
abends querab vom Flottenflaggschiff zuletzt gesehen wurde, noch mittlere Fahrt
laufen.
5. Der Nachtmarsch und die Nachtkämpfe
Durch
die Meldungen der T-Flottillen über die Stärke des gesichteten Feindes war es
zur Gewißheit geworden, daß wir uns im Kampfe mit der ganzen englischen Flotte
befunden hatten.
Es war mit Sicherheit zu erwarten, daß der Feind versuchen würde, uns während
der Dämmerungsstunden mit starten Streitkräfte und während der Nacht durch
Zerstörerangriffe nach Westen abzudrängen, um uns bei Hellwerden zur Schlacht
zu stellen. Die Macht dazu besaß er. Gelang es, die feindliche Umfassung zum
Stehen zu bringen und Hornsriff vor dem Feinde zu erreichen, so blieb uns die
Freiheit des Entschlusses für den nächsten Morgen gesichert.
Dies zu ermöglichen, mußten alle Flottillen für die Nacht zum Angriff
angefetzt werden, auch auf die Gefahr hin, daß sie bei Tagesanbruch bei den zu
erwartenden neuen Kämpfen fehlen sollten. Das Gros selbst mußte in
geschlossenem Verbande auf dem nächsten Wege Hornsriff ansteuern und diesen
Kurs, allen Angriffen des Feindes trotzend, durchhalten.
Dementsprechend wurde befohlen. Gleichzeitig erteilte der F. d. U. den auf
Borkum-Reede befindlichen U-Booten Befehl, nach Norden vorzustoßen. Die Führer
der Torpedobootsstreitkräfte setzten die T-Flottillen in Richtung Ost-Nord-Ost
bis Süd-Süd-West an, das heißt dorthin, wo das Nachdringen des feindlichen
Gros erwartet werden mußte. Eine große Zahl von Booten hatte die Torpedos
bereits in der Tagschlacht verschossen; einige waren zum Schutze der schwer
havarierten "Lützow" zurückgelassen; einige behielten die F. d. T.
bei sich, um im Bedarfsfalle etwas zur Verfügung zu haben. Diesem Entschluß
war späterhin die Bergung der Besatzungen "Elbing" und
"Rostock" zu danken. Zum Angriff gingen somit nur die II., V., VII.
und Teile der VI. und IX. T-Flottille vor. Die Boote haben verschiedentlich
Nachtgefechte mit leichten feindlichen
Streitkräften gehabt; vom Gros haben sie nichts gefunden. "L 24" hat
bei Hellwerden einen Teil des Gros in der Jammerbucht gesichtet. Der Feind hatte
sich also nach der Schlacht nach Norden entfernt. Die II. T-Flottille, der der nördlichste
Teil des Sektors zugewiesen war, wurde von Kreuzern und Zerstörern abgedrängt
und kehrte um Skagen herum zurück. Dieser Weg war ihr vom II. F. d. T.
freigestellt. Die übrigen T-Flottillen sammelten mit Hellwerden auf das Gros.
Das Gros hatte vor völligem Dunkelwerden noch einen kurzen, aber ernsthaften
Zusammenstoß mit dem Feind. Während die I. und 11. A. Gr. sich vor die Spitze
zu setzen versuchten, erhielten sie 10,20 Uhr nachmittags aus südöstlicher
Richtung schweres Feuer. Vom Feinde war nur das Aufblitzen der Salven zu sehen.
Die bereits stark havarierten Schiffe erhielten neue Treffer, ohne das Feuer
ernstlich erwidern zu können. Sie drehten daher ab und schoben sich zwischen
dem II. und I. Geschwader hindurch nach Feuerlee.
Die Spitze des I. Geschwaders folgte der Bewegung der Kreuzer, während das II.
Geschwader (Chef Kontreadmiral Mauve) durchhielt und so das Feuer des Feindes
auf sich nahm. Als das II. Geschwader erkannte, daß die Beleuchtungsverhältnisse
ein Erwidern unmöglich machten, staffelte es ab, um den Feind näher an das I.
Geschwader heranzuziehen. Der Feind folgte nicht, sondern stellte das Feuer ein.
Etwa gleichzeitig hatte die IV. A. Gr. (Führer Kommodore v. Reuter) unter ganz
gleichen Verhältnissen ein kurzes Gefecht mit 4-5 Kreuzern, darunter Schiffen
der "Hampshire"-Klasse. Mit Rücksicht darauf, daß hauptsächlich die
Spitze des Gros die Angriffe des Feindes abzuwehren haben würde, und um mit
Tagesanbruch vorn stark zu sein, wurde das II. Geschwader nach hinten genommen;
der I. A. Gr. wurde die Rückendeckung, der II. A. Gr. die Vorhut und der IV. A.
Gr. die Steuerbord-Seitendeckung übertragen. Die Linienschiffsgeschwader
marschierten danach in der Reihenfolge: I. Geschwader, Flottenflaggschiff, III.
Geschwader, II. Geschwader; das I. und III. Geschwader im Kehrt. Die Führung
der Linie hatte "Westfalen" (Kommandant Kapitän zur See Redlich). Während
der Nacht griff der Feind in fast ununterbrochener Folge von Osten her mit
leichten und zum Teil auch schweren Streitkräften an. II. und IV. A. Gr. und
vor allem die Schiffe des I. Geschwaders (Chef Vizeadmiral Schmidt) hatten die
Angriffe abzuwehren. Der Erfolg war ausgezeichnet. In gänzlicher Verkennung der
Lage näherte sich 2 Uhr vormittags ein Panzerkreuzer der "Cressy“-Klasse
(Name nicht ausgemacht) den Schlußschiffen des I. Geschwaders und dem
Flottenflaggschiff auf etwa 1500 m. Er wurde in wenigen Sekunden in Brand
geschossen und sank 4 Minuten nach dem Feuereröffnen unter gewaltigen
Detonationen. Nach vorsichtiger Schätzung sind während der Nacht 1
Panzerkreuzer, 1 Kleiner Kreuzer und 7 Zerstörer vernichtet, mehrere Kleine
Kreuzet und Zerstörer schwer beschädigt. Auf unserer Seite fielen
"Frauenlob", "Pommern" und "V 4";
"Rostock" und "Elbing" mußten aufgegeben und gesprengt
werden. "Frauenlob" (Kommandant Fregattenkapitän Hoffmann ) erhielt
12,45 Uhr nachts im Laufe eines Gefechts der IV. A. Gr. mit 4 Kreuzern der Städteklasse
einen Torpedotreffer. Nach Aussage einiger weniger Überlebender ist sie bald
darauf, bis zum Untergang kämpfend, gesunken.
"Pommern" (Kommandant Kapitän zur See Bölken) wurde 4,20 Uhr
vormittags von einem Torpedo getroffen und flog unter gewaltiger Detonation in
die Luft.
"V 4" lief 4,50 Uhr vormittags auf eine feindliche Mine. Die Besatzung
konnte geborgen werden. "Rostock" und "Elbing" gerieten 1,30
Uhr vormittags Backbord querab von der Spitze des I. Geschwaders in ein Gefecht
mit Zerstörern, mußten schließlich vor den Torpedos des Feindes abwenden und
durch die Linie des I. Geschwaders durchbrechen, um das Feuer der Linienschiffe
nicht zu behindern. Hierbei erhielt "Rostock" einen Torpedotreffer, während
"Elbing" mit "Posen" kollidierte.
Beide Kreuzer wurden manövrierunfähig. "Rostock" hielt sich noch bis
5,45 Uhr vormittags und wurde dann beim Insichtkommen feindlicher Kreuzer
gesprengt, nachdem die ganze Besatzung, einschließlich Verwundeter, von Booten
der III. T-Flottille geborgen war. Auch die "Elbing"-Besatzung wurde
von einem Boot der III. T-Flottille übergenommen. Nur der Kommandant, der I. 0.
und T. 0. mit einer Kutterbesatzung blieben an Bord, um das Schiff so lange wie
möglich zu halten. Als 4 Uhr vormittags feindliche Streitkräfte in Sicht kamen,
mußte auch "Elbing" gesprengt werden. Der Rest der Besatzung rettete
sich im Kutter, wurde später von einem holländischen Fischdampfer aufgenommen
und ist über Holland zurückgekehrt. "Lützow" wurde bis 3,45 Uhr
vormittags über Wasser gehalten. Das Schiff wurde zuletzt über den
Achtersteven gesteuert. Alle Versuche, das eindringende Wasser zum Stehen zu
bringen, waren vergeblich. Das Vorschiff hatte zu starr gelitten. Schließlich
waren etwa 7000 t Wasser im Schiff. Die Back war bis zum Knopf des Göschstockes
überspult. Die Schrauben schlugen aus dem Wasser. Das Schiff mußte aufgegeben
werden. Die Besatzung, einschließlich aller Verwundeten, wurde von den Booten
"G 40", "G 37", "G 38" und "V 45" übergenommen
und "Lützow" durch einen Torpedoschuß versenkt.
Die 4 Boote hatten insgesamt 1250 Mann von "Lützow" an Bord. Sie stießen
zweimal auf feindliche Kreuzer und Zerstörer, griffen beide Male unter Führung
des ältesten Kommandanten, Kapitänleutnant Beitzen (Richard), an und bahnten
sich mit Erfolg den Weg in die Deutsche Bucht. Bei dem letzten Gefecht erhielt
"G 40" einen Treffer in die Maschine und mußte geschleppt werden.
Als Meldung hierüber beim Gros einging, machte der II. F. d. T. mit "Regensburg"
kehrt und nahm den Schleppzug auf.
"S 32", Führerboot der I. T-Flottille, Kommandant Kapitänleutnant
Froelich, erhielt 1 Uhr vormittags einen schweren Treffer in den Kesselraum und
war vorübergehend manövrierunfähig. Es gelang dem Kommandanten jedoch, die
Kessel mit Seewasser speisend, das Boot bis in die dänischen Hoheitsgewässer
zu bringen. Von dort wurde es dann von ausgesandten Torpedobooten durch das
Nordmannstief eingeschleppt.
6. Die Lage am 1. Juni morgens
Während
der Nacht waren L 11, L 13, L 17, L 22 und L 24 zur Frühaufklärung
aufgestiegen.
L 11 meldete 5,10 Uhr vormittags einen Verband von 12 englischen Linienschiffen,
zahlreichen leichten Streitkräften und Zerstörern mit nördlichem Kurs etwa
auf der Mitte der Linie Terschelling-Hornsriff und gleich darauf 6 feindliche
Großkampfschiffe und 3 Schlachtkreuzer nördlich von diesem Verband. Das
Luftschiff wurde stark beschossen, hielt aber Fühlung. Der Feind drehte bald
nach dem Sichten nach Westen ab und kam in unsichtigem Wetter aus Sicht. L 24
sichtete 4 Uhr vormittags 50 sm westlich Bovberg eine Flottille feindlicher
Zerstörer und etwa 6 U-Boote, wurde beschossen und erwiderte das Feuer mit
Bombenangriffen, klärte alsdann weiter nach Norden auf und fand 5 Uhr
vormittags in der Jammerbucht einen Verband von 12 Großkampfschiffen und
zahlreichen Kreuzern, die mit hoher Fahrt Süd steuerten. Fühlung halten und
weiteres Aufklären waren nicht möglich, da die Wolkendecke bis auf 800 m
hinabreichte. Beim Gros selbst war bei Tagesanbruch nichts vom Feinde zu sehen.
Das Wetter war so unsichtig, daß kaum eine Geschwaderlänge zu übersehen war.
Die von den Panzerkreuzern eingegangenen Meldungen zeigten, daß die I. A. Gr.
ein ernstliches Gefecht nicht mehr führen konnte. Auch die Spitzenschiffe des
III. Geschwaders mußten an Gefechtskraft verloren haben. Von den schnellen
kleinen Kreuzern standen nur noch "Frankfurt", "Pillau" und
"Regensburg" zur Verfügung. Mit weiterer Luftschiffaufklärung war
bei dem unsichtigen Wetter nicht zu rechnen. Es war somit aussichtslos, den im Süden
gemeldeten Feind regelrecht zu stellen. Der Zusammenstoß und seine Folgen wären
dem Zufall überlassen gewesen. Ich sah deshalb von weiteren Operationen ab und
gab den Befehl zum Einlaufen. Auf dem Rückmarsch stieß
"Ostfriesland" westlich List auf eine zu einer bis dahin unbekannten,
offenbar erst unlängst ausgelegten feindlichen Sperre gehörige Mine. Das
Schiff lief unter eigenem Dampf in den Hafen. Mehrere U-Boots-Angriffe auf unser
einlaufendes Gros blieben erfolglos, zum Teil dank der Aufmerksamkeit der
Flieger, die das Gros in Höhe von List aufnahmen und bis zu den Flußmündungen
geleiteten. Alle Schiffe und Boote liefen im Laufe des Tages in die Flußmündungen
ein. Besonderer Erwähnung bedarf das Einbringen der schwer havarierten "Seydlitz"
(Kommandant Kapitän zur See von Egidy). Daß das Schiff den Hafen erreicht hat,
ist eine hervorragende Seemännische Leistung des Kommandanten und der Besatzung.
Die aus der Ems auslaufenden U-Boote erhielten Befehl, "Elbing" und
havarierte Schiffe des Feindes zu suchen. Den vor den englischen Häfen
auslegenden U-Booten wurde aufgegeben, wenn irgend möglich, noch einen Tag länger
auf Station zu bleiben. "U 46" stieß 6,20 Uhr nachmittags etwa 60 sm
nördlich von Terschelling auf ein havariertes Schiff der "Iron-Duke"-Klasse
("Marlborough"), Der gefeuerte Torpedo verfehlte das Ziel. Von den vor
den feindlichen Hafen ausliegenden U-Booten hat "UB 21" am 31. Mai und
"U 52" am 1. Juni je einen Treffer gegen einen Zerstörer erzielt. Das
Sinken konnte in beiden Fällen wegen der feindlichen Gegenwirkung nicht
beobachtet werden.
D. Schlußfolgerung
Der
errungene Erfolg ist der angriffsfreudigen, zielbewußten Führung durch die
Unterführer und den vortrefflichen, von hervorragendem kriegerischem Geist
getragenen Leistungen der Besatzungen zu danken.
Er ist nur möglich gewesen dank der Güte unserer Schiffe und ihrer Waffen,
dank der zielbewußten Friedensschulung der Verbände und dank der
gewissenhaften Einzelschiffsausbildung.
Die reichen Erfahrungen werden sorgfältig verwertet werden. Die Schlacht hat
bewiesen, daß wir uns in dem Ausbau unserer Flotte und der Entwicklung der
einzelnen Schiffstypen von richtigen strategischen und taktischen Anschauungen
haben leiten lassen, daß wir deshalb die eingeschlagenen Bahnen weitet
verfolgen müssen.
An dem Erfolg haben alle Waffen ihren Anteil. Den Ausschlag hat aber unmittelbar
und mittelbar die weittragende schwere Artillerie der Großkampfschiffe gegeben.
Sie hat den größten Teil der dem Gegner zugefügten, bisher bekannten Verluste
herbeigeführt und die Torpedobootsflottillen zu erfolgreichem Angriff an das
Linienschiffgros herangebracht. Das Verdienst der T-Flottillen, durch ihren
Angriff den Großkampfschiffen schließlich eine glatte Loslösung vom Feinde
ermöglicht zu haben, wird durch diese Feststellung nicht geschmälert.
Das Großkampf Schiff - Linienschiff und Kreuzer - ist und bleibt deshalb der
Grundpfeiler der Seemacht. Es wird sich weiter entwickeln müssen durch Verstärkung
des Geschützkalibers, Erhöhung der Geschwindigkeit und Vervollkommnung des
Panzer- und Unterwasserschutzes.
gez. Scheer.
An Seine Majestät den Kaiser und König.
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